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Klarälven: Von der Quelle bis ins Meer

Eike hatte diesen Sommer eigentlich vor das noch fehlende Stück der norwegischen Küste zum Nordkapp zu paddeln. Doch daraus wurde nichts, weil Justin an der Schulter verletzt war. Also musste ein neuer Plan geschmiedet werden.

Ich (Johann), Nico und Eike kennen uns aus dem Kieler Kanu Klub. Aus dem gelegentlichen Paddeln auf der Kieler Förde, wurden regelmäßige gemeinsame Touren auf unserer Hausstrecke: Glockentonne hin und zurück.
Nach gut einem Jahr Seekajak-Erfahrung war das Nordmeer jedoch eine Nummer zu groß für Nico und mich. Lieber sollten wir „erstmal etwas einfaches machen“, wie Eike meinte. Und so entstand die Idee den Klarälven zu paddeln.

Wir wollten das Wasser auf seiner Reise ins Meer begleiten, erfahren wie es sich Stück für Stück verändert. Auf über 600 Kilometern entwickelt sich der Klarälven von einem wilden Strom zu einem breiten Fluss, der in den riesigen See Vänern fliest, um schließlich ins Meer zu münden.

Die Kajaks waren nach der Wandertour von Justin und Eike schon an der Quelle beim Femundsee abgelegt worden. Somit konnten wir drei mit „Handgepäck“ von Kiel dorthin trampen.

Nach der Überquerung des Femundsee am ersten Tag machten wir unsere ersten Erfahrungen im Wildwasser.

Der sehr geringe Wasserstand machte die Befahrungen der Stromschnellen zu einer kratzigen Angelegenheit.

Unsere Kajaks mussten viele Grundberührungen aushalten. War es vielleicht nicht die beste Idee Seekajaks für diese Tour zu benutzen?

Immer wenn wir in einen Rapid paddelten stieg unsere innere Anspannung merklich an. Mit unseren Kajaks mussten wir immer weit vorausschauend durch Kehrwasser und Walzen paddeln.

In der letzten Walze eines langen Rapids, als ich mich schon fast in Sicherheit wähnte passiert es. Um mich herum tost das Wasser und ich schwimme. Ich klammere mich an mein Boot und treibe weiter stromabwärts auf den nächsten Rapid zu. Genau im richtigen Moment fliegt der Wurfsack über mich hinweg und ich greife mit der freien Hand nach der Leine, das Boot noch fest im Griff. Die beiden ziehen mich ans Ufer. Etwas ernüchtert aber auch erleichtert atmen wir erstmal tief durch. Nur ein kleiner Kratzer, ansonsten habe ich die Kenterung zum Glück ohne Schaden überstanden.

So sieht also Wildwasser Grad III bis IV aus, dachten wir uns. Am zweiten Tag unserer Tour durften wir am eigenen Leib erleben, wovon wir zuvor zwar gelesen, uns aber keine Vorstellung gemacht hatten.

Doch was macht man in solchen Situationen? Den Kopf in den Sand stecken und aufgeben oder doch dem Abenteuer in die Augen blicken und sich der Herausforderung stellen?

Ein Abbruch der Tour kam für uns nicht in Frage.

Die zahllosen Grundkontakte hatten an meinem Kajak ihre Spuren hinterlassen: Zwei große Risse an der Rumpf-Deck-Verbindung und zwei weitere auf der Unterseite standen zwischen uns und der Fortsetzung unserer Tour. In dieser Nacht kam dann unser Reparatur-Kit zum Einsatz. Im Schein unserer Stirnlampen laminierten wir die Schäden über und deckten alles ab. Obwohl die Nacht kalt war, härtete das Harz recht gut aus und wir entschieden uns, am nächsten Morgen unseren Weg in Richtung Süden fortzusetzen.

Um einige Stromschellen und Wasserkraftwerke zu umgehen, mussten wir zum Teil weite Strecken rollern.

Als seien die ersten zwei Tage nicht schon genug gewesen, wurden wir jetzt auch noch von kaputten Kajakwägen aufgehalten.

Nachdem wir anfangs aufgrund der schwierigen Bedingungen kaum vorangekommen waren, hieß es für uns irgendwann „Strecke machen“. Von da an verbrachten wir jeden Tag um die 8 Stunden auf dem Wasser und legten, während sich der Klarälven gemächlich durch die schwedische Landschaft schlängelte, täglich 40 bis 60 Kilometer zurück. Langsam kehrte so etwas wie Normalität in unseren Tour-Alltag ein: Morgens Müsli mit Hafermilch zum Frühstück, Zelte abbauen, Gepäck im Kajak verstauen und rauf auf’s Wasser. Gegen Nachmittag war dann die einzige Pause des Tages fällig und es überraschte mich immer wieder auf’s Neue, wie viel Proviant drei hungrige Paddler verschlingen können. Kurz vor Sonnenuntergang suchten wir uns dann einen Platz zum campen in der Nähe des Ufers. Auf Tour erlangen die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse einen viel höheren Stellenwert als im Alltag zuhause.

Die vielen Wasserkraftwerke zähmten zwar den Fluss, sodass unsere Weiterfahrt einfacher wurde. Doch sie nahmen auch den Charme des wilden Flusses, wie wir ihn an der Quellen kennengelernt hatten.

Bei der Durchquerung des Vänern (Schwedens größter See) fühlten wir uns mit den Seekajaks endlich einmal richtig aufgehoben. Entlang der charakteristischen Schären fühlte sich das paddeln beinahe an wie auf dem Meer.

Nach einem langen Paddeltag, wenn Nico und ich uns von den Anstrengungen erholten, war Eike meist noch mit Zeitrafferaufnahmen oder Drohnenflüge für den Film beschäftigt.

An Tag 16 unserer Tour erreichten wir nach 40 Kilometern mit 5 Windstärken Gegenwind endlich Göteborg – stolz, aber auch erleichtert, es geschafft zu haben.

Was nehmen wir mit aus dieser Expedition? Auf der einen Seite haben wir die Gewalt des Wassers unterschätzt und waren alles andere als optimal vorbereitet gewesen. Auf der anderen Seite haben wir uns allen Widrigkeiten zum Trotz durchgeschlagen, haben uns angepasst, sind körperlich sowie psychisch stärker geworden und haben unser Ziel erreicht. Was hätten wir erlebt, wenn wir jedes Detail im Vorfeld geplant und jede Überraschung vermieden hätten? Ein Abenteuer wohl kaum!